GrenzRaumSee

Eine ethnographische Reise durch die Bodenseeregion

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Seegfrörne

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Erinnerungen an ein verbindendes Naturereignis

1963 fror der Bodensee zum vorerst letzten Mal vollständig zu. Dieses als „Seegfrörne“ bekannte Naturschauspiel soll sich am Bodensee bisher 35 Mal ereignet haben. Die früheste bekannte „Gfrörne“ kann man nach Aufzeichnungen von Chronisten bis auf das Jahr 875 zurückverfolgen, jedoch gibt es erst seit dem 13. Jahrhundert verlässlichere Quellen.

Das Zufrieren des kompletten Sees wird als Naturwunder erfahren, da es insbesondere in den letzten beiden Jahrhunderten nur selten stattfand. Aufgrund des großen Medieninteresses an der Seegfrörne von 1963 ist es auch nicht verwunderlich, dass diese als Jahrhundertereignis in das Gedächtnis der Region eingegangen ist. Besonders für diejenigen, die sie erleben durften, stellt sie eine einmalige Erfahrung dar.

Zwei Gruppen junger Männer aus der badischen Gemeinde Hagnau brachten als erste den Mut auf, den zugefrorenen Bodensee zu überqueren. Aus den Erzählungen der „Erstüberquerer“ spricht die ständig präsente Bedrohung, da sie nicht sicher sein konnten, dass das Eis auch halten würde. Trotzdem übte das enorme Eis-Vorkommen auf sie und andere Bodenseeanrainer eine unglaubliche Faszination aus.

Dauerte die Seegfrörne als Naturschauspiel nur wenige Wochen an, so lebt das Ereignis in den Erinnerungen und Kontakten der Anwohner bis heute fort. Der gefrorene See schlug im wahrsten Sinne des Wortes eine natürliche Brücke zum benachbarten Ufer, hob damit kurzzeitig das Gefühl des Trennenden auf und ließ neue Freundschaften zwischen Deutschen und Schweizern entstehen.

Den Höhepunkt der Gfrörne stellte die sogenannte Eisprozession am 12. Februar 1963 dar. Darunter versteht man einen Brauch, bei dem eine hölzerne Büste des Heiligen Johannes in einem festlichen Zug von einem zum jeweils anderen Seeufer getragen wird und dort bis zur nächsten Seegfrörne verbleibt. Ob sich diese jedoch vor dem Hintergrund der globalen Erwärmung noch einmal ereignen wird, bleibt fraglich. Wohl auch aus diesem Grund spielt die letzte Seegfrörne bis heute eine bedeutende Rolle im Gedächtnis der Bodenseeregion.

 

Alina Edel, Barbara Hirner & Corina Suceveanu

„Das war jetzt plötzlich eine super Attraktion, der See hat eine Eisfläche, die hinausgeht auf die Wasserfläche. […] Ja, den ganzen Abend waren wir da unten gestanden, meine Alterskollegen, also reife Männer, Familienväter und dann hat man gesagt: ‚Ja, jetzt hat er es geschafft, jetzt gefriert er zu! Und wir sind jetzt die Generation, die das erleben darf!‘ Dann ist man in das Gasthaus und da hat man Strategien aufgebaut, mit einer Expedition über das Eis. […] Und dann diskutiert man, diskutiert man und nach zwei Stunden habe ich dann gesagt: ‚Ich sage euch jetzt klipp und klar: der Werner Hiestand ist da nicht dabei! Ich gehe nicht mit! Ich bin einer von denen, der später sagen kann: Die, wo da versoffen sind, die habe ich noch gekannt.‘“
Werner Hiestand, Hagnau

„Also das war ein Schauspiel! Man hat eigentlich fast nicht mehr geschafft, man ist bloß noch am See unten gehockt. Da haben dann einige die Bude aufgemacht mit heißen Würstchen, Wurst oder Fleischkäse. […] Da sind sie von überall hergekommen und wollten das Ereignis erleben, von Stuttgart, von überall und so! Und wie es dann die Eisprozession war, da waren ja Tausende von Leuten da! Ist gar nicht zu glauben, dass da sich so viele interessieren, aber das ist halt ein Jahrhundertereignis!“
Hermann Urnauer, Hagnau

 

Aktuelles

Soeben erschienen ist der Projektband „GrenzRaumSee. Eine ethnographische Reise durch die Bodenseeregion.“ mit Unterstützung des Landes Vorarlberg und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Erhältlich für 21 EUR im Buchhandel oder direkt beim Verlag.