GrenzRaumSee

Eine ethnographische Reise durch die Bodenseeregion

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„Schokolade tanken“

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Vom Alltag an den Staatsgrenzen in der Bodenseeregion

Der Bodenseeraum ist mit seinen Anrainerstaaten Deutschland, Österreich und Schweiz in vielerlei Hinsicht eine einzigartige Region. In kurzer Zeit können hier Menschen ins Ausland gelangen: mit dem Auto, der Fähre, dem Zug oder zu Fuß. Innerhalb der EU und der Schweiz sind die Grenzen weitestgehend offen und problemlos zu passieren. Auch existieren keine Sprachgrenzen zwischen den Ländern der Bodenseeregion, in Deutschland und Österreich wird zudem mit derselben Währung bezahlt. Die offenen oder „weichen“ Grenzen werden von täglichen Grenzpassanten in den meisten Fällen kaum noch registriert. Die vormals trennenden Grenzen bringen zunehmend Vorteile: Das nahe Ausland lockt mit wirtschaftlichen und steuerlichen Vorzügen zum häufigen Besuch. Deutsche betanken in der Schweiz ihr Auto nicht nur mit Benzin, sondern auch mit Schokolade oder Kaffee. Und ausgerechnet Schweizer Geschäftsleute eröffnen Bankkonten in Österreich, um ihre Euro-Einnahmen wechselkursfrei zu verwalten. Es sind vor allem die ökonomischen Vorteile, die dies- und jenseits der Grenzen zu ganz eigenen Dynamiken führen.

Beispiel Deutschland-Schweiz: Nur wenige Konstanzer würden sich wohl in das benachbarte und in Grenznähe wenig attraktive Städtchen Kreuzlingen verirren, läge es nicht in der Schweiz. Zwar sehr viel kleiner als Konstanz, kann Kreuzlingen doch mit Produkten aufwarten, die für die Konstanzer billiger sind und sie die Grenze überqueren lassen. Im Gegenzug profitieren auch die Kreuzlinger von dem kulturellen Angebot und den Einkaufsmöglichkeiten in Konstanz. So schafft die Grenze wieder ein gewisses Gleich­gewicht zwischen den sonst so unterschiedlichen zwei Städten.

In der Bodenseeregion gehören Grenzen zum Alltag, der Umgang mit ihnen geschieht routiniert. Denn der geringe Aufwand des Grenzübertritts macht sich bereits durch kleine Vorteile bezahlt. Grenzgänger und Grenzbeamte begegnen sich in selbstverständlichem Einvernehmen. Erst wenn diese Routine durch irgendein Ereignis, wie einen Stau, unterbrochen wird, ruft sich die Grenze in ihrer eigentlichen Funktion als kontrollierende Barriere in die Erinnerung zurück.

 

Käthe Hientz, Anna Hunger, Ralf Löffler & Johannes Schubert

„Man fühlt sich als Bereich Bodensee. Die Arbeitgeber sind sehr offen, die sagen eher, ich bin Unternehmer, also muss ich schauen, dass ich meine Aufgabe gut erfülle und da ist es mir egal, ob der Arbeitnehmer aus Österreich oder der Schweiz kommt. Hauptsache, ich beschäftige ihn, egal, welcher Nationalität, er braucht halt den geeigneten Mitarbeiter. Ganz im Inneren gibt es noch das Gefühl ‚ich bin Deutscher‘, ‚ich bin Österreicher.‘ Da hört man dann Floskeln wie ‚bei uns in Österreich‘ oder ‚bei uns in Deutschland‘ oder ‚wir in der Schweiz.‘ Klar, ich bin aber auch der Meinung, ein bisschen einen kleinen Nationalstolz sollten wir doch noch haben, den sollten wir nicht ganz weggeben, also das gehört schon dazu.“
Albert Thumbeck, EURES-Berater „Jobs ohne Grenzen“

„Man muss halt den Ausweis dabei haben.“
„Die letzten Jahre kontrollieren sie fast gar nicht.“
„Aber auch vor Österreichs EU-Beitritt waren Lindau und Bregenz eigentlich schon zusammengewachsen. Viele Deutsche haben damals in Österreich eingekauft und tun das auch heute noch.“
„Eine Grenze gibt es hier nicht mehr. Man fährt einfach in den nächsten Ort, nicht in ein anderes Land.“
„Wenn den Schweizern hier etwas verdächtig vorkommt, sind in Windes Eile Beamte zur Stelle, um den Übergang zu sichern.“
„Für mich ist es ganz normal zu pendeln. Ich bin damit aufgewachsen.“
Grenzgänger und Passanten

 

Aktuelles

Soeben erschienen ist der Projektband „GrenzRaumSee. Eine ethnographische Reise durch die Bodenseeregion.“ mit Unterstützung des Landes Vorarlberg und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Erhältlich für 21 EUR im Buchhandel oder direkt beim Verlag.