GrenzRaumSee

Eine ethnographische Reise durch die Bodenseeregion

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Eine ethnographische Reise durch die Bodenseeregion

Regionen waren zu keiner Zeit in sich geschlossene kulturelle Einheiten – umso weniger sind sie es am Beginn des 21. Jahrhunderts. Sie beziehen heute ihr besonderes Gepräge aus einem Wechsel­spiel von äußeren und inneren Einflüssen: Globalisierung und Europäisierung bestimmen ihre Gegenwart. Aktuelle transnationale Dynamiken lassen dabei nicht nur Grenzen ver­schwinden und Räume aneinanderrücken, sie formen auch die Konturen und Images von Regionen – fordern Politik, Planung und Bewohner dazu heraus, am Profil ihrer Region zu arbeiten.

Dies lässt sich beispielhaft im Bodenseeraum verfolgen, einem von Grenzen durchzogenen Gebiet, das in den letzten beiden Jahrzehnten in verschiedenen Kontexten und mit unterschiedlichen Umrissen als gemeinsame Region auftritt. Doch welche Substanz steht hinter der „Einheit in der Vielfalt“? Kann die Bodenseeregion überhaupt auf ältere Strukturen gemeinsamer Verbundenheit zurückgreifen, wie das gerne behauptet wird? Und welche Bedeutung wird von den Akteuren in unterschiedlichen Handlungsfeldern überhaupt einer räumlich und kulturell gefassten regionalen Identität beigemessen?

Um diese Fragen zu beantworten, haben sich Studierende der Empirischen Kulturwissenschaft aufgemacht zu einer ethno­graphischen Reise an den Bodensee. Sie hielten in verschiedenen Feldern Nachschau, wie eine Grenzregion heute funktioniert: Dabei trafen sie nicht nur auf Regionenmacher, die in verschiedenen Institutionen an der Gestaltung der Region arbeiten. Sie trafen auch auf Grenzgänger und Arbeitsvermittler, auf Konsumenten, Touristen und Umweltaktivisten, auf Künstler, Literaten und Schulkinder, die alle auf ihre je eigene Art den Bodenseeraum erfahren und gestalten. Und sie stießen auf Einschreibungen, die Verbindendes und Trennendes in der Landschaft und ihrer materiellen Ausstattung hinterlassen haben, auf Erzählungen, Symbolisierungen und Erinnerungen.

Ob es eine gemeinsame Bodensee-Identität gibt? Nein, aber ein komplexes Geflecht ineinander greifender Ordnungen und Orientierungen, das in verschiedenen Situationen abrufbar ist und das nichts Beständiges ist, sondern an dem Tag für Tag durch Medien, Verkehr und alltägliche Kommunikation gearbeitet wird.

 

„Die Bodenseeregion ist ein traditioneller Kulturraum mit einer lange Zeit gemeinsamen Geschichte. Dieses gemeinsame Geschichtsbewusstsein wurde durch die politische Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg teilweise verdrängt. Die Kenntnis der Geschichte und das Wissen über das gemeinsame kulturelle Erbe sollten deshalb wieder geweckt und gefördert werden.“
Bodenseeleitbild, 1994

„Darüber hinaus fand ich mich mit zunehmenden Jahren immer unentrinnbarer getrieben, überall das, was Menschen und Nationen verbindet, viel höher zu werten als das, was sie trennt. Im kleinen fand und erlebte ich das in meiner natürlichen, alemannischen Heimat. Daß sie von Landesgrenzen durchschnitten war, konnte mir, der ich viele Jahre dicht an solchen Grenzen lebte, nicht verborgen bleiben. Das Vorhandensein dieser Grenzen äußerte sich nirgends und niemals in wesentlichen Verschiedenheiten der Menschen, ihrer Sprache und Sitten, es zeigten sich diesseits und jenseits dieser Grenze weder in der Landschaft noch in der Bodenkultur, weder im Hausbau noch im Familienleben merkliche Unterschiede. Das Wesentliche der Grenze bestand in lauter teils drolligen, teils störenden Dingen, welche alle von unnatürlicher und rein phantastischer Art waren: in Zöllen, Pass­ämtern und dergleichen Einrichtungen mehr.“
Hermann Hesse: Alemannisches Bekenntnis (1919)

 

Aktuelles

Soeben erschienen ist der Projektband „GrenzRaumSee. Eine ethnographische Reise durch die Bodenseeregion.“ mit Unterstützung des Landes Vorarlberg und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Erhältlich für 21 EUR im Buchhandel oder direkt beim Verlag.